Mit einem dumpfen Scheppern flog die Fahrertür des silbergrauen 2008er Passat TDI mit Sportausstattung auf. Camp David stieg aus, zog seine Freizeit-Bermudas über den Bauchansatz und strich die neon-orangene Stickerei auf seiner Brust glatt.
Zwei Radler beim Frühschoppen hatten gereicht, um seinen Blutdruck und sein Sendungsbewusstsein auf Betriebstemperatur zu bringen.
„Freie Fahrt für freie Bürger, so sieht das nämlich aus!“, rief David mit donnender Stimme über den Parkplatz, ohne dass ihn jemand danach gefragt hatte.
Als zwei junge Frauen an ihm vorbeiliefen und seinen Aufzug skeptisch musterten, pfiff er kurz durch die Zähne, klopfte sich auf den Oberschenkel und brüllte hinterher: „Na Mädels, lacht doch mal, steht euch viel besser als dieses Emanzen-Gesicht!“
Zufrieden mit seiner vermeintlichen Schlagfertigkeit grinste Camp David in sich hinein. Dass die beiden nur genervt das Tempo anzogen und ihm den Mittelfinger zeigten, verbuchte er felsenfest als schüchternes Flirten.
Zurück auf der breiten Bundesstraße entfaltete David seine wahre Bestimmung. Im Cockpit lief (Rechts)Rock-Antenne auf voller Lautstärke, während er mit zwei Fingern am Lenkrad und permanentem Linksblinker die Spur blockierte.
Als am Ortsausgang ein Rennradfahrer auf der Landstraße auftauchte – obwohl zweihundert Meter weiter ein völlig zugewachsener Schotterweg verlief –, sah Camp David rot.
„Zahlt keine Steuern, blockiert den Arbeitsverkehr und meint, ihm gehört die Welt!“, schimpfte er, während er die Scheibenreinigungsanlage betätigte und sich mit dem Passat zentimetergenau an den Lenker des Radlers herantastete.
Nur ein kleiner Schlenker, rein zufällig natürlich, der den Zweiradfahrer mit einem beherzten Schreck ins Dornengebüsch beförderte. „Tote-Winkel-Spiegel, mein Lieber, einfach mal Schulterblick üben!“, schrie er aus dem heruntergekurbelten Fenster und trat aufs Gaspedal, sodass eine dichte, schwarze Rußwolke den Zurückgebliebenen einhüllte.
Am Stammtisch am Abend gab es für Camp David nur ein Thema: Wie schwierig es heute geworden sei, als aufrechter Mann überhaupt noch den Mund aufzumachen. Er schlug mit der flachen Hand auf den Biertisch, bestellte noch ein Radler und verkündete feierlich, dass er sich von niemandem den Diesel, das Schnitzel oder seine ungeschminkte Meinung verbieten lasse.
Endlich zuhause und als seine Mutter ihn, den 42jährigen Finanzbuchhalter, schließlich um Punkt neun Uhr ins Bett schicken wollte, tippte er nur bedeutungsschwer auf seinen wuchtigen Breitling-Chronographen: „Feste Schlafenszeiten schön und gut, aber diese Verbotspolitik hier im Haus nimmt langsam wirklich bedenkliche Züge an.“
(Alle handelnden Personen und Ereignisse sind nicht ganz frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und beabsichtigt.)
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Danke für die Inspiration, @BrokkoliMuskel und @oliver